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Lost Soul #2: Little Ann – Deep Shadows of Detroit

Eine vergessene Soulsängerin, ein mysteriöses Tonbandarchiv und britische Northern-Soul-DJs auf der Suche nach dem heiligen Gral.

Little Ann Detroit

Ein Album, das niemand kannte

Detroit, Ende der Achtziger. In den Archiven des Soul-Produzenten Dave Hamilton lagern unzählige Tonbänder. Vergessene Demos, unveröffentlichte Singles und musikalische Hoffnungen, die es nie über die Studiotür hinausgeschafft haben. Auf einer der Bandkisten steht: „The Possible Little Ann Album“.

Ein mögliches Album. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Aufnahmen stammen aus den späten Sechzigern. Die Sängerin heißt Ann Bridgeforth, besser bekannt als Little Ann. Doch die Songs verschwinden zunächst im Archiv. Was damals niemand ahnt: Auf der anderen Seite des Atlantiks hat ihre Musik längst ein zweites Leben begonnen.

Im Schatten von Motown

Detroit war in den Sechzigern die Hauptstadt des amerikanischen Soul. Während Motown Hits am Fließband produzierte, entstand abseits der großen Studios eine lebendige Szene unabhängiger Labels und Produzenten.

Einer von ihnen war Dave Hamilton. Gitarrist, Arrangeur und Produzent, der seinen ganz eigenen Sound entwickelte. Weniger Hochglanz, mehr Ecken und Kanten.

Little Ann gehörte zu den Sängerinnen, mit denen er arbeitete. Ihre Stimme besaß eine eigentümliche Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke. Mal rau, mal beinahe zerbrechlich, aber immer voller Gefühl.

Der große Durchbruch blieb aus. Die meisten ihrer Aufnahmen wurden nicht veröffentlicht. Little Ann verschwand aus dem Musikgeschäft, ihre Songs blieben auf Tonbändern zurück.

Rose Valentine und die besessenen Briten

Tausende Kilometer entfernt entwickelte sich in den Siebzigern eine Subkultur, die amerikanischen Soul mit beinahe religiösem Eifer verehrte.

In Clubs wie dem Wigan Casino suchten DJs nach möglichst obskuren Singles. Northern Soul war eine Welt aus schweißnassen Tanzflächen, nächtelangen Partys und einer geradezu fanatischen Jagd nach seltenem Vinyl.

Je unbekannter die Platte, desto begehrter.

Um ihre Entdeckungen vor konkurrierenden DJs zu schützen, griffen manche zu einem Trick: Sie spielten Platten unter falschen Künstlernamen. Diese sogenannten Cover-ups waren Teil der Northern-Soul-Kultur.

So wurde Little Anns „What Should I Do“ unter dem Namen Rose Valentine bekannt.

Die Tänzer liebten den Song. Doch wer tatsächlich hinter dieser Stimme steckte, blieb lange ein Rätsel.

Die Rückkehr aus dem Archiv

Als britische Soul-Enthusiasten Ende der Achtziger Dave Hamiltons Tonbandarchiv durchforsteten, löste sich das Geheimnis schließlich auf.

Die vermeintliche Rose Valentine war Little Ann.

Eine wichtige Rolle bei der späteren Wiederveröffentlichung solcher Aufnahmen spielte Ady Croasdell, Northern-Soul-DJ, Plattensammler und eine treibende Kraft hinter Kent Records.

Croasdell gehörte zu jener Generation britischer Soul-Besessener, die nicht nach Hits suchten, sondern nach den vergessenen Stimmen Amerikas. Ihre Arbeit machte zahlreiche Aufnahmen zugänglich, die andernfalls möglicherweise für immer in Archiven verschwunden wären.

Auch Little Anns Musik fand schließlich ihren Weg zurück auf Vinyl.

Deep Shadows – vier Jahrzehnte später

2009 veröffentlichte das finnische Label Timmion Records schließlich „Deep Shadows“. Ein Album, das ursprünglich Ende der Sechziger hätte erscheinen können.

Im Mittelpunkt steht der Titelsong. „Deep Shadows“ ist eine tief melancholische Soul-Ballade, getragen von Little Anns eindringlicher Stimme. Die Instrumentierung bleibt zurückhaltend. Kein überflüssiger Bombast, keine große Geste. Nur diese Stimme, die von Verlust und Sehnsucht erzählt.

Daneben stehen Songs wie „What Should I Do“ und „Going Down a One Way Street“, die den raueren, rhythmischen Detroit-Sound zeigen.

Das Album klingt nicht wie eine sorgfältig geplante Produktion, sondern wie ein wiederentdecktes Stück Musikgeschichte. Gerade darin liegt sein Reiz.

Little Ann erlebte die späte Anerkennung ihrer Musik noch mit. Sie trat Anfang der 2000er-Jahre in Großbritannien auf, wo ihre Aufnahmen längst Kultstatus genossen.

2003 starb Ann Bridgeforth. Die Veröffentlichung von „Deep Shadows“ sechs Jahre später erlebte sie nicht mehr.

Was bleibt, ist eine Platte, die daran erinnert, wie viele großartige Stimmen im Schatten der großen Soul-Labels verschwanden.

Und wie viel es manchmal braucht, um sie zurückzuholen: ein paar besessene Plattensammler, britische Tanzflächen und eine vergessene Tonbandkiste aus Detroit.

Manche Platten kommen zu spät. Aber sie kommen.

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