Lost Soul #1: Alice Clark – Eine Stimme, die der Soul beinahe vergessen hätte
Eine Stimme, zehn Songs, kein Ruhm. Alice Clark lieferte 1972 ein verdammtes Soul-Juwel ab. Die Welt hörte weg, die Plattensammler gruben weiter. Goldbutt legt die Nadel auf!

LOST SOUL #1: Alice Clark – Eine Stimme, die der Soul beinahe vergessen hätte
Ein einziges Album, zehn Songs und eine Stimme, die unter die Haut geht. Alice Clark verschwand fast so schnell, wie sie auftauchte. Doch ihre Musik wollte einfach nicht in Vergessenheit geraten.
Manchmal muss man verdammt tief in den Plattenkisten wühlen, um auf echtes Gold zu stoßen. Und manchmal fragt man sich anschließend, wie zur Hölle eine solche Stimme jemals übersehen werden konnte. Alice Clark ist genau so ein Fall.
Ende der Sechzigerjahre veröffentlichte die Sängerin aus Brooklyn, New York, einige Singles. Darunter „You Hit Me (Right Where It Hurt Me)“ von 1969, ein mitreißendes Stück Soul, das später in der britischen Northern-Soul-Szene Kultstatus erlangen sollte. Doch der große Durchbruch blieb aus.
Zwei Tage in New York – zehn Songs für die Ewigkeit
1972 bekam Alice Clark ihre große Chance. Produzent Bob Shad nahm sie für sein Label Mainstream Records unter Vertrag. In den legendären Record Plant Studios in New York entstand innerhalb von nur zwei Tagen ihr erstes und einziges Album.
Für die Arrangements sorgte Jazzmusiker Ernie Wilkins, der unter anderem mit Count Basie gearbeitet hatte. Mit Bernard „Pretty“ Purdie am Schlagzeug, Gordon Edwards am Bass und Gitarrist Ted Dunbar stand eine erstklassige Studioband bereit.
Das Ergebnis? Eine wunderbare Mischung aus Soul, Jazz und Funk. Warme Bläsersätze, geschmeidige Basslinien, federnde Grooves und darüber eine Stimme, die zwischen kraftvoller Leidenschaft und verletzlicher Melancholie pendelt.
„Never Did I Stop Loving You“ ist ein unwiderstehlicher Soul-Stomper, bei dem die Füße kaum stillhalten können. „Don't You Care“ groovt lässig zwischen Funk und Jazz, während „I Keep It Hid“ die gefühlvolle Seite dieser außergewöhnlichen Sängerin offenlegt.
Hier wird nicht einfach nur gesungen. Hier wird gelebt, gelitten und geliebt. Soul ohne billige Effekthascherei und ohne überflüssigen Zierrat.
Vom Ladenhüter zum Sammlerstück
Doch trotz aller musikalischen Klasse blieb der Erfolg aus. Die LP verschwand weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, Alice Clark zog sich aus dem Musikgeschäft zurück. Weitere Alben folgten nicht.
Erst Jahre später entdeckten britische DJs und Plattensammler ihre Musik wieder. Besonders in der Londoner Jazz-Funk- und Acid-Jazz-Szene entwickelte sich die Platte zum Geheimtipp. Die Originalpressung auf Mainstream Records wurde zum begehrten Sammlerstück.
2010 veröffentlichte Ace Records unter dem Titel The Complete Studio Recordings 1968–1972 schließlich ihre gesammelten Studioaufnahmen. Alice Clark selbst erlebte diese umfassende Wiederentdeckung nicht mehr. Sie starb bereits 2004.
Lost Soul – und die Suche geht weiter
Mit diesem Schicksal war Alice Clark nicht allein. Auch Little Ann, die Ende der Sechziger in Detroit mit Produzent Dave Hamilton arbeitete, verschwand beinahe vollständig aus der Musikgeschichte. Ihre Aufnahmen blieben jahrzehntelang größtenteils unveröffentlicht, bevor Northern-Soul-Enthusiasten sie wieder ans Licht holten.
Zwei Sängerinnen, zwei Geschichten und dieselbe verdammte Frage: Wie viele großartige Stimmen schlummern wohl noch irgendwo in den Archiven?
Glücklicherweise ist Alice Clark inzwischen wieder auf Vinyl erhältlich. Das Label Wewantsounds hat den Soul-Klassiker neu aufgelegt, zuletzt im Oktober 2026.
Denn diese Platte ist weit mehr als eine gesuchte Rarität für Sammler. Sie ist ein Stück Soulgeschichte voller Wärme, Schmerz und Groove.
Alice Clark ist keine Fußnote der Soulgeschichte. Sie ist einer dieser verdammten Gründe, warum es sich lohnt, immer weiter nach Musik zu graben.
Lost Soul geht weiter. Beim nächsten Mal steigen wir noch tiefer in die Plattenkisten und besuchen Little Ann in Detroit.


