Alan Vega, Alex Chilton & Ben Vaughn – Cubist Blues
Drei schräge Vögel, ein stoischer Drumcomputer und Blues aus der Gosse. Vega, Chilton und Vaughn schrauben am Rock’n’Roll-Abgrund. Düster, dreckig, hypnotisch. Goldbutt gräbt tief!

1994 war ein düsteres Jahr für den Rock’n’Roll. Kurt Cobain war tot, der Grunge-Hype bekam erste Risse und die Musikindustrie suchte bereits nach dem nächsten großen Ding. Währenddessen trafen sich in New York drei musikalische Außenseiter, die auf all das herzlich wenig gaben: Alan Vega, Alex Chilton und Ben Vaughn.
Im Dezember desselben Jahres trafen in New York drei musikalische Außenseiter aufeinander, die mit dem ganzen Grunge-Zirkus herzlich wenig am Hut hatten: Alan Vega, Alex Chilton und Ben Vaughn. Was dabei entstand, war Cubist Blues – eine Platte, die klingt, als hätte jemand den Blues auseinandergenommen und seine Einzelteile im Halbdunkel wieder zusammengeschraubt.
Alan Vega war die Stimme von Suicide, jenem New Yorker Duo, das bereits in den Siebzigern mit minimalistischer Elektronik, monotonen Rhythmen und verstörendem Rock’n’Roll den Grundstein für Generationen von Punk- und Post-Punk-Bands legte. Alex Chilton hatte zunächst mit den Box Tops Erfolge gefeiert, bevor er mit Big Star zum Kulthelden des Power Pop wurde. Später bewegte er sich zunehmend in den schmutzigeren Ecken von Garage Rock und Blues. Und Ben Vaughn? Der amerikanische Musiker und Produzent brachte seine Vorliebe für Rockabilly, Rhythm & Blues und verschrobenen amerikanischen Roots-Rock mit.
Drei unterschiedliche musikalische Biografien, die hier auf ziemlich wunderbare Weise zusammenkrachen.
Cubist Blues lebt von seiner rohen, beinahe improvisierten Atmosphäre. Nichts klingt durcharrangiert oder glattgebügelt. Ein stoischer Drumcomputer gibt den Puls vor, Gitarren scheppern durch den Raum und Alan Vega flüstert, knurrt und beschwört seine Texte, als würde er mitten in der Nacht irgendwelche Geister heraufbeschwören.
Schon „Fat City“ stapft mit hypnotischer Beharrlichkeit voran. „Fly Away“ verliert sich dagegen in düsteren, repetitiven Schleifen. Die Musik rumpelt, schleppt sich dahin und scheint gelegentlich selbst nicht zu wissen, wohin sie will. Aber genau darin liegt ihr Reiz. Dieser wunderbar ungeschliffene Jam-Charakter macht die Platte so eigenwillig.
1996 erschien Cubist Blues über 2.13.61, das Label von Black-Flag-Sänger Henry Rollins, in Zusammenarbeit mit Thirsty Ear. Eine ziemlich passende Heimat für ein Album, das sich konsequent jeder musikalischen Mode verweigert.
Heute ist die ursprüngliche Vinyl-Ausgabe vergriffen und auf Discogs ein kostspieliges Sammlerstück.
Kein nostalgischer Rückblick auf bessere Zeiten, sondern ein düsterer, hypnotischer Trip in die Abgründe des Rock’n’Roll. Eine dieser Platten, die man am besten nachts hört – laut, mit gedimmtem Licht und ohne Eile.
Hintergrund zur Aufnahme
Besonders spannend ist, dass Cubist Blues tatsächlich am 6. und 7. Dezember 1994 in den Dessau Studios auf der Lower East Side in New York aufgenommen wurde. Zwei improvisierte Nachtsessions, ohne ausgearbeitetes Songmaterial. Die Stücke entstanden größtenteils unmittelbar während der Aufnahmen.
Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit stammte von Ben Vaughn. Alex Chilton war so begeistert davon, dass er sogar seinen Flug nach New York selbst bezahlte. Der Opener „Fat City“ entstand in einem einzigen Take. Documentary Evidence
Das sind Details, die ich unbedingt in die Goldbutt-Rezension aufnehmen würde.
Auch die Veröffentlichungsgeschichte ist interessant: Die Platte fand 1996 zunächst kaum Beachtung. Erst 2015 wurde sie von Light in the Attic und Munster Records wiederveröffentlicht. Das Trio spielte übrigens nur zwei gemeinsame Konzerte. Stereogum


