Die Zukunft – wovon eigentlich?

AI-ART

Von Christoffer Greiß

Ich bin freiberuflicher Ingenieur für Informationstechnik und Gestaltung und gestalte Websites, bin Fotograf und Filmemacher. Für mehrere Projekte unseres Video-Kollektivs UrbanProjection habe ich die Filmmusik per KI generiert und probiere das jetzt auch in anderen Feldern aus, bei der Vertonung von Gedichten oder Liedern zu speziellen Themen wie z. B. dem VersuchsHaus-Song, aber auch, um meine eigenen Lyrics und Demoaufnahmen am Klavier zu radiotauglichen Songs auszubauen. Früher spielte ich Blockflöte, Trompete und Keyboard, habe dann aber schnell zu Atari und Cubase, Version 1, gewechselt.

Über die allgemeinen Probleme von Künstlicher Intelligenz möchte ich hier gar nicht schreiben. Energieverbrauch, Arbeitsplätze, Datenschutz – alles wichtige Themen. Aber andere Themen.

Mich interessiert in diesem Text die viel einfachere Frage:

Kann eine KI eigentlich Kunst machen?

Meine Antwort lautet: Nein!

Ich schreibe hier von „Kunst“, wenn ich den schöpferischen Prozess meine, den eine KI nicht kann. Musik kann eine KI generieren, wenn wir das hier mal als akustisches Phänomen betrachten. KIs können ja auch Bilder generieren, keine Frage, aber eben keine Kunst.

Denn Kunst setzt eine Intention voraus. Eine KI hat keine Wünsche, keine Erinnerungen, keine Biografie und keinen inneren Drang, Musik zu machen. Sie möchte nichts ausdrücken. Sie möchte niemanden berühren. Sie möchte auch nicht reich werden.

Das alles wollen immer nur wir Menschen.

Damit sind wir allerdings bei einer viel interessanteren Frage:

Wenn die KI keine Kunst macht – wer macht sie dann?

Natürlich gibt es Menschen, deren einzige Absicht darin besteht, möglichst billig möglichst viele Songs zu produzieren. Dieser Massenmüll hat inzwischen sogar einen Namen: AI-Slop. Musik, die nur deshalb existiert, weil sie Klicks erzeugen soll.

Aber seien wir ehrlich: Diese Haltung gab es schon lange vor KI. Fließbandmusik ist kein Phänomen generativer Modelle, diese sind lediglich das neueste Werkzeug.

Betrachten wir stattdessen einen anderen Fall.

Jemand hat ein Lied im Kopf. Vielleicht keine fertige Melodie, vielleicht nur eine Stimmung, eine Geschichte oder einen Klang, den er sucht. Früher hätte er zur Gitarre gegriffen, sich ans Klavier gesetzt oder Musiker gesucht. Heute arbeitet er tagelang mit einer Musik-KI, verwirft Version um Version, formuliert seine Vorgaben immer wieder neu, verändert Text, Dramaturgie, Instrumentierung und Stimmung, bis das Ergebnis endlich seiner Vorstellung entspricht.

Die KI hat dabei vielleicht die Melodie erzeugt. Die Harmonien ebenfalls. Vielleicht sogar Teile des Arrangements.

Aber wo genau findet eigentlich die kreative Arbeit statt?

Ist sie im Text?
In der Melodie?
In den Akkorden?
Im Rhythmus?
Im Sound?
Im Arrangement?
In der Interpretation?
Oder erst im Zusammenspiel all dieser Ebenen?

Sobald man versucht, einen Song in seine Bestandteile zu zerlegen, wird erstaunlich schnell klar, dass sich Kreativität gar nicht so sauber lokalisieren lässt.

Ein Songwriter schreibt Text und Melodie. Bandmitglieder bringen Ideen ein. Ein Produzent verändert Arrangement und Dramaturgie. Ein Recording-Engineer beeinflusst den Klang. Ein Mixer entscheidet über Räumlichkeit, Dynamik und Atmosphäre.

Wer von ihnen ist nun der eigentliche Künstler?
Oder anders gefragt: Wo genau hört Handwerk auf, und wo beginnt Kunst?

Noch spannender wird es bei moderner „Pop“-Musik:

Nehmen wir einfach einmal die aktuellen Top Ten. Alle Lieder einmal gespielt von einem Sänger mit seiner Akustikgitarre. Immer dieselbe Stimme. Keine Produktion. Keine Effekte.

Wäre damit die eigentliche Seele dieser Songs freigelegt? Ich bezweifle das.

Gerade heute entstehen Wirkung und Identität eines Musikstücks oft ebenso sehr durch Sound, Stil, Produktion und Interpretation wie durch Text, Melodie und Harmonien.

Und wie ist es mit Coverversionen?

Ein Metalstück wird zur Jazzballade. Ein Popsong erscheint plötzlich als düstere Klavierfassung. Melodie und Akkorde stammen weiterhin vom ursprünglichen Autor – trotzdem empfinden wir viele Coverversionen als eigenständige Kunst. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil wir längst akzeptiert haben, dass kreative Leistung nicht nur im Erfinden jeder einzelnen Note besteht, sondern auch im Gestalten, Interpretieren und Neu-Kontextualisieren.

Genau deshalb halte ich KI-Musik nicht für das Ende der Musik.

Dieses Ende wurde ohnehin schon erstaunlich oft angekündigt:

Die elektrische Gitarre.
Der Synthesizer.
Drumcomputer.
Sampling.
Die CD.
AutoTune.
DJing.
MP3.
Spotify.

Fast jedes neue Werkzeug wurde zunächst als Bedrohung verstanden und später selbstverständlicher Teil musikalischer Kultur.

Vielleicht erleben wir gerade einfach die nächste dieser Veränderungen.

Entscheidend ist dabei für mich etwas ganz anderes: Mich stört nicht, wenn Musik mit KI entsteht. Mich stört es, wenn Menschen behaupten, etwas sei passiert, was nie passiert ist. Wenn es den angeblichen Künstler gar nicht gibt. Wenn eine Band nur erfunden wurde. Wenn so getan wird, als hätten Menschen gemeinsam musiziert, obwohl alles vollständig generiert wurde. Dann wird aus Gestaltung Täuschung. Deshalb finde ich Transparenz wichtig.

Zu sagen: „Dieses Stück habe ich mit Hilfe einer Musik-KI entwickelt.“ Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Aber genau an dieser Stelle wird es spannend: Was ist mit den vielen Zwischenformen?

Texte stammen vom Menschen, die Melodie ebenfalls, eine einfache Demo wird eingesungen.

Mit der KI entwickelt man daraus ein Arrangement mit Instrumenten und einem Sänger, die der Urheber selbst nie hätte aufnehmen können.

Ist das weniger Kunst?
Oder einfach eine neue Art, Musik zu machen?
Mit denselben kreativen Entscheidungen – aber auf einer anderen Ebene?

Vielleicht wird die spannendste Frage der kommenden Jahre gar nicht sein, ob KI Kunst machen kann, sondern ob wir endlich genauer darüber nachdenken, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Kunst sprechen.

Denn vielleicht war die entscheidende Zutat nie die Gitarre, nie der Synthesizer, nie die CD. Und vielleicht auch nicht die KI.

Sondern immer der Mensch, der entscheidet, warum ein Musikstück überhaupt entstehen soll.